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Vom Karzer ins Labor

Das Freiburger Universitätsmuseum verbindet Geschichte und Lehre

Es gab Zeiten, da bejubelten die Freiburger noch jeden Studenten, der sich an ihrer Albert-Ludwigs-Universität immatrikulierte. Der 1000. Student im Jahre 1885 bekam zur Begrüßung eine goldene Uhr, das Konterfei des 2000. wurde 1904 auf Postkarten gedruckt. Der 3000. Lernwillige im Jahre 1911 erhielt ein Semester lang Essen und Bier, was ihn schließlich in den Karzer der Stadt brachte - wegen Trunkenheit.

Angesichts der 22 000 Studierenden in der südbadischen Stadt gerät heute zwar kaum einer mehr in Festtagslaune. Dennoch ist man in Freiburg stolz auf die Iange Tradition der Alma Mater, die 1457 von Erzherzog Albrecht VI. gegründet wurde. »Die Weisheit hat sich ein Haus gebaut«, stellte der erste Rektor Matthäus Hummel damals in seiner Eröffnungsrede fest.

Der aktuelle Leiter des Universitätsbetriebes, Professor Wolfgang Jäger, fand es beinahe 550 Jahre später an der Zeit, dem altehrwürdigen Haus endlich auch ein Museum zu bauen. So entstand letztes Jahr das Uniseum. Das bundesweit einzigartige Museumsprojekt stellt nicht nur die wechselhafte Geschichte der Universität dar, sondern bietet auch ein Forum für ihre Lehrtätigkeiten. Vier Jahre lang bastelten die Ausstellungsmacher an der Konzeption. Entstanden ist eines der modernsten und spannendsten Museen der Stadt - und das in einer Zeit, in der Einsparungen in der Kultur an der Tagesordnung sind. Das war nur möglich, weil das Freiburger Uniseum nicht nur historische Fakten abbilden, sondern auch der Lehre dienen soll. »Es sollte auf keinen Fall eine reine Nabelschau werden«, sagt Dieter Speck, Leiter des Uniseums und des Universitätsarchives.

Besucher dürfen Playmobilmännchen operieren

Die Ausstellungsräume sind nur dreimal in der Woche jeweils zwei Stunden lang öffentlich zugänglich. In der restlichen Zeit finden Lehrveranstaltungen, Alumnitreffen oder Führungen für Erstsemester statt. Seminare über universitäre Geschichte werden hier ebenso abgehalten wie Kurse, in denen die Studierenden am Beispiel des Uniseums Marketingkonzepte erproben oder neue Formen der Museumsführung ausprobieren können. Ein kleiner Raum ist für wechselnde Präsentationen reserviert, die von Studenten erarbeitet werden. Die verschiedenen Fakultäten präsentieren sich in der Ausstellung mit aktuellen Forschungsprojekten und interaktiven Stationen. Beispielsweise kann der Besucher moderne Endoskopietechnik einsetzen, um Playmobilmännchen zu operieren oder zumindest umzuschubsen.

Den Großteil der Ausstellung nimmt jedoch die Universitätsgeschichte ein. Schon das Gebäude selbst steht auf historischem Grund. Hier wurden die ersten Studenten der Albertina unterrichtet. Freiburger Studenten sind es auch, die die Uniseumsbesucher anekdotenreich durch die Jahrhunderte führen: von der herzoglichen Gründung über die Einflüsse der Humanisten und Jesuiten bis hin zur Universitätsreform im 18. Jahrhundert; von der Expansion im 19. Jahrhundert über den Nationalsozialismus bis hin zu den Studentenprotesten von 1968. Multimedia-Elemente und skurrile Exponate ergänzen die Ausstellung.

Ein zweiter Bauabschnitt ist bereits geplant - in den Kellern des Gebäudes, die teilweise noch aus dem 13. Jahrhundert stammen. Hier wird man sich dann einem wichtigen Thema widmen, das alle Universitäten gleichermaßen bewegt: dem fröhlichen Studentenleben.

Andrea Benda

Erschienen in Die Zeit im Dezember 2005